Und du, "Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (1)
Indes läßt er sie plagen bis auf die Zeit, das die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. (2)
Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herren und in der Macht des Namens des HERREN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. (3)
Und er wird der Friede sein (4a)
Liebe Gemeinde!
Sie gehören zu dem Haufen von Abermillionen, die im Laufe der Geschichte heimatlos geworden sind.
Verdorben durch das Gesetz der großen Zahl, mag ihr Schicksal heute nicht mehr der Rede wert sein.
Bedenkt jedoch, daß hinter jeder Ziffer ein unaustauschbarer Mensch steht, mit seinem Hoffen und Bangen, Lachen und Weinen, kann ihr Lebensweg einen wahrlich nicht gleichgültig lassen Hunderttausender Deutscher können einem jetzt noch kräftigen Nachhilfeunterricht darin erteilen, was es heißt, Flüchtling und Vertriebener zu sein. Gemessen an jenen, hatten die Deutschen es noch gut. Die meisten wurden aufgefangen durch Lastenausgleich und Eingliederungshilfen. Sie kamen in ein Land, das dieselbe Sprache sprach wie sie. Aber dennoch, sie kamen in ein anderes Land. Sie waren der Heimat verlustig gegangen, des von Kindesbeinen an vertrauten Blickes auf den See, auf die endlos erscheinende Landschaft, auf die sich dahinziehenden Gebirgszüge. Sie konnten nicht mehr die Straße besuchen, in der sie aufgewachsenen waren. Sie waren fern von der Schule, in der sie als erstes ein I zu zeichnen und zu schreiben gelernt hatten. Sie waren getrennt von den Gräbern, in denen ihre Angehörigen ruhten. Nur noch in der Erinnerung lebte die Kirche, in der sie konfirmiert und getraut worden waren.
Doch gemessen an jenen, hatten sie es noch gut.
Denn jene, jene mußten unter Menschen leben, deren Sprache sie nicht verstanden. Ihre Bräuche waren abstoßend fremd. Ihre Götter waren jenen ein Greul. Sie waren getrennt von dem Tempel ihres Gottes. Die Hauptstadt Jerusalem lag unerreichbar fern von ihnen. Sie hatten zu zahlen für die Fehler ihrer Könige. Würde sich die Lage in der Familie jemals ändern? Wann würde sie sich ändern? Konnte Hoffnung von denen kommen, denen sie gewohnheitsgemäß bislang nachgelaufen waren, von den Großkopheten aus den Palästen? Skeptisch waren sie geworden, sehr skeptisch. Es müßte schon so etwas gänzlich anderes sein, was ihnen Luft unter die Arme pusten könnte, was in der Lage wäre, ihre gebeugten Köpfe und zerknitterten Herzen aufzurichten. Sollte es die Botschaft jenes Mannes sein, der bislang Unerhörtes deutlich hörbar machte;
"Und du, Bethlehem Efrat, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist."
Wurden hier nicht endlich wieder Gottes Wege freigelegt, wurde hier nicht endlich wieder daran erinnert, wie dieser Gott es einst angestellt hatte, als er aus dem unscheinbaren Beginn eines Davids, als er aus dem Hirtenjungen den großen König werden ließ? Wurden die Menschen nicht daran erinnert, daß dieser Gott ein Gott der Überraschungen war, dessen Ruhm nicht an große Häuser und fühlbaren Reichtum hing? Und wird diese Stelle nicht heute deshalb als Predigttext ins Gespräch gebracht, um der Christenheit wieder ins Gedächtnis zu rufen, daß Gott gerade in der Alltäglichkeit zu finden ist, nicht in der abgehobenen Verklärtheit einer verstellenden Weihnachtsidylle.
Denn Bethlehem ist wahrlich keine Stadt des Glanzes gewesen. Wenn sie es genau nehmen wollen, dann war Bethlehem ein Kaff, ein Provinznest. Hier amüsierte man sich nicht hier gab es nicht zu begaffen, hier waren keine großen Namen Zuhause. Hier hätte man Gott nicht am Werke vermutet, und doch sollte er in dieser Niedrigkeit sich sichtbar machen.
Der Dichter Rudolf Otto Wiemer schreibt:
"Ein Ort in allen vier Winden / ein Ort mit Tauben und Blinden-Bethlehem / ein Ort, so arm wie verloren / mit verschlossenen Herzen und Toren-Bethlehem // Ein Ort mit Gassen und Straßen / in denen Flüchtlinge saßen -Bethlehem- // Ein Ort mit Spöttern und Frommen / ein Ort wo wir alle herkommen -Bethlehem- // Ein Ort, wo wir alle hingehen / das Kind in der Krippe zu sehen -Bethlehem- // Ein Ort, wo wir knien auf Erden: Gott will unser Bruder werden -Bethlehem-."
Ob jenen Vertriebenen nicht jenes Bethlehem, nicht jene Geburtsumstände wiederum zu unscheinbar denn doch erschienen wären, wenn sie davon gewußt hätten? Hätten sie es wirklich ertragen mögen, daß Gott so weit hinuntersteigt? Hätten Sie nicht gerufen, wie jene enttäuschten Juden und Jünger nach der Hinrichtung Jesu auf Golgatha: "Und wir dachten, es würde Israel befreien?" Hätte sie es nicht auch geschmerzt bei Jesus auf selbst zurechtgelegte politische Werbezwecke und Programme verzichten zu müssen, so wie sie sich zurechtgelegt? hatten? Kommt Gott nicht manchmal noch unscheinbarer an, als wir anzunehmen gewillt sind? In eine Welt des Streites und des Unfriedens, die wir gerade schmerzhaft in den Weihnachtsstunden empfinden und um so lieber wenigstens jetzt verbergen wollen und doch nicht können, wenn wir wahrhaftig sind.
Da leiden gerade die empfindsamen Christen unter den Streitigkeiten in den Familien.
Noch immer konnten lang ausgetragene Fehden unter den Angehörigen nicht beendet werden. Der unverzeihliche Blick des anderen hängt einem nach. Aber selbst weiß man keinen Ausweg, weil die Kraft der Versöhnung einem nicht zu Gebote steht.
Was hilft da letztlich die Frage, wer Schuld hat. Es trägt nichts aus. Da bricht auch jetzt wieder wie gewohnt und in schöner Regelmäßigkeit die Frage auf, warum ich Weihnachten immer zu denen kommen muß und die sich nie so richtig auf meine Bedürfnisse einstellen mögen. Da merkt man trotz aller aufgesetzten Versöhnlichkeit wie es zwischen den Beteiligten knistert bei der Art und Weise, diese Stunden zu begehen, denn er war es nun einmal von zu Hause gewohnt und sie ebenso, und sie tun sich so unsagbar schwer, hier zueinander zu finden. Von dem Unfrieden auf der Erde, von den Kriegen und Morden in jenen Stunden möchte ich erst gar nicht anfangen zu reden.
Und doch, gerade in dieser Welt der abstoßenden Alltäglichkeiten, des Streites und des Hasses, der Kriege und Rechtsbrüche, des eigenen Unfriedens und Unvermögens, in einer solchen Welt bricht Gott sich Bahn und will er Gestalt werden, nicht erst, wenn es das alles nicht mehr gibt, sondern gerade, weil es das alles gibt. Welche Welt hätte es denn sonst nötiger? Welcher Mensch hätte es denn sonst nötiger?
Wie gut dieser ausgerufene Friede Gottes tut, merken wir gerade an unserer unerlösten Welt!
Er will der Friede sein, der du in der Friedlosigkeit lebst. Du mußt nicht verzweifeln an dir und den Zuständen in dieser Welt, Gott will aus dir und ihr noch was machen. Es gibt für diesen Gott keine abgeschriebenen Menschen und Sachen. Das Geringste kann er zum Gefäß seines Handelns machen, wie dieses Bethlehem, wie diesen Stall, wie dieses Baby. Selbst dich Friedlosen kann er zum Guten benutzen. Du bist bei diesem Gott gut aufgehoben. Du mußt dich nicht fern von ihm wissen, trotz deiner Defizite und Korruptheiten. Du mußt vor diesem Gott keine Angst haben. Bei ihm bist du nicht gezwungen, für jeden Fehler zu zahlen. Dieser Gott kann Gnade vor Recht ergehen lassen. Zwischen ihm und dir gibt es keinen unüberwindbaren Graben mehr. Gott ist als Freund und Liebhaber zu den Menschen auf die Erde gekommen. Gott läßt seinen Frieden inmitten deiner Friedlosigkeit ausrufen. Bei ihm kannst du sicher wohnen, so sagt der Text bei Micha.
Das tut gut, eine Heimat zu haben, zu wissen, wo ich hingehöre und wo ich hingehen kann, kein Vertriebener und Flüchtling in diesem Leben mehr sein zu müssen, trotz aller eigenen Fragen und Tränen und Unsicherheiten, zu Gott kommen zu dürfen, bei ihm gut aufgehoben zu sein.
Ich wüßte nicht, wie der Mensch sonst leben könnte.
Ich finde es trostreich, zu hören, daß dieser Gott mich weiden will.
Es ist ein schönes Bild.
Es zeigt diesen Jesus Christus als Hirten.
Es weist ihn aus als einen, der seinen Blick auf dich und mich lenkt und nicht von uns läßt. Ich kann bei ihm nicht verloren gehen, wie weit ich mich auch von ihm entferne Und wie weit entferne ich mich oft von ihm!
Aber er will nicht von mir lassen.
Und er will mir die nötige Nahrung geben, damit ich in diesem Leben nicht verhungere. Und wie oft bedarf ich des sättigenden Wortes, der Ermutigung, wenn ich nicht mehr gehen mag, der Liebe, wenn ich hart zu werden drohe, der Vergebung, wenn ich übel mitgespielt habe, der Hoffnung, wenn ich im Jetzt ersticke.
Dieses Kind in der Krippe will mich weiden Bei ihm kann ich sicher wohnen. Es ist ein guter Herr und Knecht.
Das Wort bei Micha hat in ihm seine gute Erfüllung gefunden. Ein unscheinbar in die Welt kommender Gott hat uns glanzlose Menschen nicht verschmäht. Er gönnte uns seine Liebe. Wir müssen nicht mehr entwurzelt herumirren.
Amen
Pfr. Udo Fischer