Gemeindegruß Kirchhörde - Ausgabe 2003 - 1  - Inhalt  
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Liebe Gemeinde,

haben Sie auch so eine Schublade zu Hause, die man fast als Krabbelkiste bezeichnen könnte? Viele haben mehrere. In einer liegt der Schraubenzieher, dazu alles, was man so für die kleine Reparatur zwischendurch braucht. In einer anderen liegen vielleicht Postkarten. Karten, die man bekommen hat, und noch Briefe aus alter Zeit, an denen man noch hängt, weil etwas Wichtiges drin stand, Postkarten, die man immer noch mal schreiben wollte an liebe Menschen. Doch man kommt irgendwie nicht dazu. Dazwischen liegen ein paar kleine Bögen Briefmarken, für alle Fälle. Vielleicht schreibt man doch mal wieder einen Brief. Er hält länger als ein Anruf. Beim Stöbern in den Erinnerungen und Zukunftsträumen fällt der Blick auf den Markenbogen, den man neulich von der Post mitgebracht hat. „Geben Sie mir bitte zehn ‚schöne’ Briefmarken!", hatte man dem freundlichen Mann am Schalter gesagt. Doch dann reichte wieder die Zeit nicht, sich die Marken näher anzuschauen. Schnell nach Hause, und ab in die Schublade damit. Hoffentlich sind sie bei dem Regen nicht nass geworden, sonst kleben sie gleich an den Postkarten fest.

Doch nun kommt die erste Frühlingssonne! Schreibt man eigentlich Osterkarten? Zu Weihnachtskarten bin ich bei dem Stress nicht gekommen! Aber warum nicht? Und während man so nachdenkt, fällt der Blick auf den Markenbogen. „Am Anfang… war das Wort", steht auf dem Rand. Auf den Marken sind Hände. Sie blättern in einem Buch. Enge Kolumnen, keine Bilder, das kommt mir bekannt vor. Richtig! Die Bibel! Steht auch drauf, unten, ganz klein: 2003 – Jahr der Bibel. Schau an, die Post! Wer hätte das gedacht?

Am Anfang war das Wort. Tja, wenn man den Anfang schon mal hätte! Beim Briefe schreiben ist der Anfang das Schwierigste. Was schreibe ich? Was will ich sagen? Wie wird er es aufnehmen? Kann man das missverstehen? Soll es nicht doch lieber eine Postkarte sein? Das sind dann so die Momente, in denen man die Schublade wieder zu macht. Später überlegt man sich dann, warum es keine Pfingstkarten gibt! Und wieder blieben eine Menge Briefe ungeschrieben, viele Worte ungesagt, weil der Anfang fehlte. Am „Anfang war das Wort", das sagt sich so leicht. Wie ging das noch weiter? Religionsunterricht ist schon länger her, aber eine Bibel muss sich doch noch finden. Johannes war das doch, oder? … ziemlich vorne… „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen eine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit." Ach so! Das Wort kommt von Gott und wird ein Mensch, und der Mensch ist ein Mensch Gottes.

Wer weiß, wie lange Gott nachgedacht hat, um auf dieses erste Wort zu kommen? Aber das Schöne ist, er hat nicht aufgegeben! Er hat die Schublade nicht zu gemacht! Er hat nicht gedacht: „Vielleicht könnte es schief gehen!", oder „Vielleicht könnte ich missverstanden werden!". Das Risiko ist er eingegangen. „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht." Und er ist wirklich missverstanden worden, aber er hat nicht aufgegeben. Hat vieles eingesteckt, aber er hat die Menschen immer geliebt, an die er sein Wort gerichtet hat.

Vielleicht sollte ich auch den Mut haben zum ersten Wort und die Marke jemandem schicken. Und vielleicht sollte ich mal wieder in der Bibel lesen, kann ja nicht schaden im Jahr der Bibel. 2003. Ihr Pfarrer Michael Nitzke

 

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