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Evangelische Philippus-Kirchengemeinde Dortmund
Bezirk Kirchhörde

Konfirmationen 2008
Sonntag Rogate, den 27. April 2008


 

Pfarrer Michael Nitzke                                                                  Psalm 27,10  

Predigt zur Konfirmation am Sonntag Rogate, den 27. April 2008

 

Liedtexte: Die Prinzen  CD: Ganz Oben- Hits MCMXCI-MCMXCVII

                  Jens Sembdner CD: Jes.41

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die. Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde, liebe Eltern und Angehörige der jungen Menschen in der ersten Reihe, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Wenn Ihr eben in der Sakristei etwas nervös auf euren Einsatz gewartet habt, dann habt ihr bestimmt auch einen Blick auf die Bilder an der Wand geworfen.

Da hängen einige Bilder von Konfirmationen, die vor über hundert Jahren aufgenommen wurden. Achtzig Jungen und Mädchen sind da auf den Fotos zusehen, aufgenommen vor genau dieser Kirche, in der Ihr jetzt seid.

Neben der Frage, wie damals alle Konfirmanden mit ihren Familien in diese Kirche gepasst haben, bewegt mich immer vor allem eine Frage, wenn ich diese Bilder sehe: Was hatten diese junge Menschen für eine Zukunft? Damals sind sicher 80% dieser jungen Menschen nach der Konfirmation in eine Berufsausbildung gegangen, das wären nach Adam Riese also 64 Jungen und Mädchen, die mit 14 Jahren die Konfirmation auch als Abschluss der Schulzeit gefeiert haben. Und am Montag, na ja vielleicht am Dienstag nach der Konfirmation ging es in die Lehre. Früh aufstehen beim Bäcker, hart arbeiten beim Schlosser, keine Widerworte beim Meister.

Es stellte sich die Frage, „Was will ich werden?“ Und auch für die 16, die dann weiter auf die Schule gingen, um einmal zu studieren, waren die Weichen für die Zukunft gestellt. Was will ich einmal werden? Lehrer, Anwalt, Arzt oder sogar Pfarrer? Mit der Konfirmation war unweigerlich ein Einschnitt im Leben gegeben.

Selbstständigkeit nicht nur im Glauben war gefragt, sondern auch im Leben.

Wie ist das heute? Nun, manche haben vielleicht beim Klassenlehrer einen freien Montag ausgehandelt, um dann mit Nachbarn und Freuenden das Konfirmationskaffeetrinken zu gestalten, aber spätestens übermorgen, am Dienstag, ist doch wieder alles so, wie es immer war. Man freut sich auf die Schule, weil man dort Freunde trifft, oder man schimpft auf die Schule, weil das ganze Lernen furchtbar viel Arbeit macht, aber ändern, tut sich doch erst einmal nichts.

Doch was wünsche ich mir für die Zukunft? Diese Frage wird verschoben, für mindestens zwei drei Jahre, für die meisten von euch für länger.

Auf einmal ist man irgendwas, und man weiß gar nicht, wie man dort hingekommen ist.

Später schaut man dann zurück und wundert sich, so wie die Prinzen das im einem Lied besingen. Hört mal zu:

 

In die Schule bist du nur unter Protest gegangen

Damit konntest du nichts anfangen

Zensuren waren auch ziemlich schlecht

Aber heute kommst du ganz gut zurecht.

Du wolltest immer der größte sein

Und hören wie tausend Leute

deinen Namen schreien

Bist du zufällig mal nicht genial

Versuchst du's morgen gleich noch mal.

Wie aus dem All, wie aus dem All

Hörst du den alten Choral

Und dann wird dir wieder klar

Daß gestern alles anders war

und dann fällt dir wieder ein

Damals warst du noch ganz klein.

Du wirst irgendwann ganz oben sein

Wenn du willst, wenn du's wirklich willst

Du wirst irgendwann ganz oben sein

Ganz oben, ganz weit oben

Die ganze Welt hat festgestellt

du machst dich nicht mehr klein

Du wirst irgendwann ganz oben sein.

 

Ja, irgend wie wird das schon klappen mit der Zukunft, warum soll ich mir da jetzt schon Gedanken machen, das Ziel muss klar vor Augen stehen, und das insofern ist das Lied von den Prinzen schon ganz ok: Ganz Oben! Da geht’s hin, aber wie?

 

Ich wird später mal Trompeter, ich Versicherungsvertreter,

Ich wird Formel eins Pilot, ich hoffentlich mal kein Idiot.

Ganz egal was morgen ist, ganz egal was morgen ist

Ganz egal was morgen ist, ganz egal was morgen ist.

Du wirst irgendwann ganz oben sein

Wenn du willst, wenn du's wirklich willst

Du wirst irgendwann ganz oben sein

Ganz oben, ganz weit oben

Die ganze Welt hat festgestellt

du machst dich nicht mehr klein

Du machst dich groß die Leinen los

Und alle sehen es ein.

Du wirst irgendwann ganz oben sein

Wenn du willst, wenn du's wirklich willst

 

Ganz oben, das wünsche ich euch. Ja, ich wünsche euch von ganzen Herzen, dass das klappt. Doch wie kommt man da hin? Papa hat ja gute Beziehungen! „Das reicht!“, denken manche und lehnen sich gemütlich zurück. Gute Zensuren braucht man nicht unbedingt, es gibt genug Beispiele für erfolgreiche Schüler, die nicht wirklich Klassenbeste waren.

Doch manchmal geht es anders als man denkt. Vielleicht lässt Papa seine Beziehungen nicht spielen, weil man mit den Zensuren, bei den Geschäftsfreunden keinesfalls Eindruck schinden kann. Was dann? Dann gibt es eigentlich nur eine Lösung, meinen jedenfalls die Prinzen:

 

Du musst ein Schwein sein in dieser Welt - Schwein sein.

Du musst gemein sein in dieser Welt - gemein sein.

Denn willst du ehrlich durchs Leben geh'n - Ehrlich,

Kriegst'n A... als Dankeschön - gefährlich!

 

Ist das die richtige Lösung, ein Schwein sein? Die Prinzen sind nicht allein auf diese Idee gekommen, dass sagt schon der Volksmund. Ein bekannter Nachrichtensprecher hat das mal auf eines seiner Bücher als Titel gesetzt: „Der Ehrliche ist immer der Dumme!“ Und was der Ehrliche so für seine Ehrlichkeit als Dankeschön kriegt, das möchte ich hier von der Kanzel nicht noch mal wiederholen, denn die Prinzen haben es deutlich genug gesungen.

 

„Frechheit siegt“, sagt der Mensch heutzutage, und will mit allen Mitteln sein Ziel erreichen, um nach ganz oben zu kommen.

 

Weil ich weiß, dass ich's mir leisten kann,

Stell' ich mich überall vorne an,

Und ist einer sanft und schwach:

Hör mal, wie ich drüber lach!

Bei den freundlichen Kollegen,

Halt ich voll dagegen.

Obwohl mich keiner mag,

Sitz' ich bald im Bundestag.

 

Und von da aus geht es sicher noch weiter nach oben. Und vielleicht hat es mancher geahnt, dass ist jetzt genau der Moment, wo vom Pastor erwartet wird, dass er den Zeigefinger erhebt, und sagt: „So geht es ja nun nicht!“

Ja, und das ist auch ok, so. So geht es nun ja auch nicht. Und das ist ja auch sicher der Grund, warum ihr fast zwei Jahre am Konfirmandenunterricht teilgenommen habt. Nicht nur, dass ihr heute schick gekleidet seid und nachher ‘ne Menge Geschenke einfahren könnt, nein, Eure Eltern haben euch sicherlich deshalb den Weg in den Konfirmandenunterricht geebnet, damit ihr etwas fürs Leben lernt. Damit ihr eben nicht lernt, dass es nur geht, wenn man ein Schwein ist, sondern damit ihr erkennt, dass es eben gar nicht so dumm ist, im Leben wirklich ehrlich zu sein.

Doch wie können wir Pastoren euch das beibringen? Wir können Gebote lernen, Geschichten von Jesus hören, können im Buch nachschlagen, wie mutig Martin Luther war. Und im gleichen Buch steht auch, wie mutig ein Amerikaner war, dessen Name sich nicht ohne Grund so ähnlich anhört. Wir lesen wie Martin Luther King im 20. Jahrhundert für die Rechte der unterdrückten Bevölkerung in Amerika eingetreten ist, und wie sehen, wie Martin Luther sich im 16. Jahrhundert für die Freiheit eines Christenmenschen eingesetzt hat.

Doch richtig verstehen wir so was eigentlich erst, wenn wir Geschichten von Menschen aus unserer Zeit hören.

Also gut: Da gab es ein paar Menschen, die sind ein bisschen jünger als eure Pastoren und eure Eltern, aber immer noch ein gutes Stück älter als ihr. Die lebten in einem Land, wo das Leben eigentlich klar vorgezeichnet war. Wenn man tat, was Vater Staat sagte, dann war es ok. Dann konnte man auch ein Stück nach oben kommen, nicht so weit wie die anderen hinter der großen Mauer, die die gleiche Sprache sprechen, aber immerhin, man hat sein Auskommen. Doch wer was anders wollte, der wurde schief angesehen. Und wenn er darauf nicht reagierte, dann war er schnell im Abseits und manchmal sogar im Knast. DDR hieß das Land, das ja eigentlich kein ganzes Land war, sondern höchstens ein halbes.

Ein bisschen Freiheit hatte man in der Kirche, aber auch nur dann, wenn man das tat, was man so von Kirche erwartet, und das war singen und beten. Wer in der Kirche was anders tat, dem drohte der Staat schnell mit dem Leben hinter Gittern.

Gut dabei war, wer gut singen konnte. Der kam in einen der berühmten Kinderchöre, deren Klang man auch jenseits der Mauer gern hörte. Zu diesen Sängerknaben gehörten die Jungen, die man heute als Prinzen kennt. Bei den Leipziger Thomanern und im Dresdner Kreuzchor haben sie gesungen. Später träumten sie den Traum vom Star, sie wollten ganz oben sein. Und als die Mauer fiel gelang das auch.

Sie waren Stars und konnten Stars für sich arbeiten lassen. So war das beim Lied vom Schwein. Das ließen sie sich von Udo Lindenberg und Anette Humpe schreiben, die heute selbst wieder ganz groß rauskommen.

Nun, das mit dem Schwein war sicher nicht so gemeint, wie es sich anhört, das war Ironie. Doch Ironie verstehen heute nur sechs Prozent der Menschen, sagt man, also verstehen viele das auch falsch, und denken, „Schwein sein ist ganz ok!“.

Daher braucht man auch manchmal welche, die ganz einfach das sagen, was sie meinen, ganz ohne dass man nachdenken muss.

Einer von den Prinzen hat jetzt seine kirchlichen Wurzeln wieder entdeckt und singt das, was er auch denkt:

 

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!

Meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.

Kommet zu Hauf, Psalter und Harfe wacht auf,

Lasset den Lobgesang hören!

Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,

Der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,

Der dich erhält, Wie es dir selber gefällt;

Hast du nicht dieses verspüret?

 

Ja, das Lied kennt ihr, und Jens Sembdner von den Prinzen hat es genau so gesungen, wie ihr es auch manchmal im Spaß gesungen hat, wenn da die letzten Wörter noch mal wiederholt werden.

Wie kam der Prinzensänger auf die Idee, so etwas zu machen? Nun, er ist da beim Zappen am Fernseher mal auf dem Sender Bibel-TV hängen geblieben, hat sich das mal etwas angeschaut und angehört, schließlich hat er eine lange Zeit in der Kirche gesungen. Dann fand er das alles irgend wie zu altmodisch und voll daneben. Und was macht einer, der zu den Stars gehört? Der nimmt den Hörer und ruft die Kollegen vom frommen Fernsehen an, und sagt ihnen, dass es so nicht geht. Der Sender-Chef war nicht auf den Mund gefallen und sagte: „Mach es doch besser!“ So ist eine CD entstanden, auf der nicht nur alte Kirchenlieder aufgepeppt wurden, sondern auch über das Leben mit all seinen Problemen gesungen wird. Die Lösung der Probleme heißt nun nicht mehr, „du sollst ein Schwein sein“, auch wenn es damals gar nicht so gemeint war.

 

Ohne Ziel vor den Augen irrt ich rum, der Gang war schwer.

Hab die ganze Zeit verlangt: Komm, komm, komm Leben gib mir mehr. Und das liebste was ich hatte, hab ich dabei übersehn.

Dass du so nicht weiter wolltest kann ich manchmal auch verstehn.

Jetzt schau ich hier, schau ich da, frag mich ständig, wer ich bin.

Geh ich rechts, geh ich links, hat das alles einen Sinn?

Immer diese Stimmen, die „Gib auf!“ zu mir sagen.

Dann hörte ich von dir: „Stell sie mir, deine Fragen!“

 

Jens Sembdner singt hier nicht aus der Perspektive eines jungen Menschen, der das Leben noch vor sich hat. Der Mensch, der hier besungen wird, hat schon einiges erlebt. Wollte immer mehr vom Leben, war sicherlich auch ziemlich oben, aber er hat auch Menschen sehr verletzt. Was soll er tun? Ist alles ganz falsch gewesen? Hat er sein Leben verwirkt? Ist es voll in die Hose gegangen?

Egal, er hat Mut! Er hat Mut, sich selbst einzugestehen, dass er Fehler gemacht hat. Er spricht zum Vater. Vielleicht könnte es sein leiblicher Vater sein, auch das kostet schon viel Überwindung, aber eher ist es unser Vater im Himmel, zu dem er spricht.

 

Vater, Vater bin gerannt, ein ganzes Leben ist verbrannt.

Halt nur ihr Bild noch in der Hand. Vater, Vater Schuld drückt schwer. Die Lebensgeister wolln nicht mehr. Die Batterie ist einfach leer. […]

Vater, stell mich wieder hin, gib meinem Leben einen Sinn.

Vater nimm mich, wie ich bin.

 

Nimm mich, wie ich bin. Ja, das dürfen wir auch zu Gott sagen. Nimm mich, wie ich bin. Ja Gott nimmt uns an, er gibt uns Mut zum Leben, und er vergibt uns, wenn wir übers Ziel hinausgeschossen sind.

Ihr habt das Leben noch vor euch! Und auch wenn in dieser Woche die Schule ganz normal weiterläuft und sich scheinbar nichts ändert, der heutige Tag macht auch deutlich, dass ihr etwas mehr Verantwortung mit übernommen habt, Verantwortung für euer Leben und das eurer Mitmenschen. Ihr wollt nach ganz oben? Gerne! Aber schaut nach rechts und nach links, schaut nach oben und nach unten. Nehmt eure Mitmenschen wahr und nehmt sie an als Kinder Gottes, so wie ihr selbst als Geschöpfe Gottes wahrgenommen werden wollt.

Ihr müsst kein Schwein sein in dieser Welt. Und selbst Schweine verhalten sich anders, als man denkt. Sie haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Unter den Männchen gibt es da manchmal kleine Rangeleien, aber wenn die Rangordnung klar ist, dann verläuft das Schweineleben in guter Ordnung.

Der Mensch ist da anders, da geht es auf und ab. Wichtig für euch ist es, dass ihr wisst, wer für euch da ist. Zu Gott könnt ihr immer kommen, auch wenn man meint, es geht nicht mehr.

In der Bibel heißt es einmal: Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf. (Psalm 27,10)

Dahinter steckt eine ganz einfache Lebensweisheit: Irgendwann einmal müsst ihr durchs Leben gehen, ohne dass euch Vater und Mutter den Weg ebnen. Wie gut, wenn man dann weiß, dass man dennoch nicht allein ist. Wie gut, wenn man dann an seinen Vater im Himmel denken kann.

Wir wünschen euch, liebe Konfirmanden, und da schließe ich die Wünsche von Pfarrer Schneider und Pfarrer Odening mit ein, wir wünschen euch, dass Ihr in Eurem Leben, immer Menschen findet, die euch den Glauben an Gott bezeugen können, ohne das es abgegriffen und altmodisch wirkt, und wir wünschen Euch, dass ihr selbst auch jemandem, der nicht weiß, wie er durchs Leben kommt, von der Liebe Gottes erzählen könnt.

Wir wünschen euch ein gutes Leben, ein Leben im Vertrauen auf die Liebe Gottes.

 

Vater nimm mich, wie ich bin.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


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