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Datum: 16.10.2005 - Anlass: 21. Sonntag nach Trinitatis - Gastpredigt in Ahlbeck auf der Insel Usedom- Text: Röm 12,21
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Röm 12,21

Liebe
Gemeinde in Ahlbeck, liebe Schwestern und Brüder aus Westfalen! Zunächst einmal
möchte ich mich bedanken für die Gastfreundschaft Ihrer Gemeinde, und die
Gelegenheit hier in Ihrer schönen Kirche predigen zu dürfen.
Wir sind eine Gruppe der evangelischen Männerarbeit in Westfalen und nehmen hier auf Usedom Teil an dem Seminar „Epochen der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts – Erlebte Geschichte(n) meines eigenen Lebens."
Seit einigen Jahren ist das 20. Jahrhundert ja nun vorbei, und wir können mit den Augen des Historikers diese 100 Jahre betrachten. Aber wir können das Ganze dennoch nicht immer wissenschaftlich distanziert betrachten, so als kämen wir vielleicht von einem anderen Planeten und hätten mit dem allen nichts zu tun. Wir selbst sind ein Teil dieser Geschichte und haben in dieser Zeit auch unsere ganz persönlichen Geschichten erlebt. Wir selbst müssen uns damit auseinandersetzen und unseren Platz in dieser Geschichte finden und annehmen.
Als Christen glauben wir fest daran, dass Gott unser Leben begleitet hat und uns das Leben geschenkt hat, was sich auf dieser Erde entfalten kann und somit zu einem Teil dieser Geschichte wird.
Damit wir das Leben auf dieser Erde auch mit Liebe und in Verantwortung vor seiner Schöpfung entfalten können, hat er uns einige Lebensregeln mit auf den Weg gegeben.
Darunter die, die heute als Wochenspruch über dem Thema dieses Gottesdienstes steht:
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Röm 12,21
Eigentlich eine einfache Regel, aber die einfachen sind oft die schwersten.
Aber es ist auch eine beliebte Regel. Wenn sich in unserer Gemeinde die Konfirmanden die Konfirmationssprüche aussuchen, ist dieser oft darunter und er ist für einen Konfirmationssonntag oft mehrfach vertreten. Wir Pfarrer versuchen, die jungen Menschen dann dazu zu bewegen, auch den Ersatz-Spruch zu akzeptieren, den sie ausgewählt haben. Aber der beleibt eben nur zweite Wahl, und niemand will von diesem leicht behaltbaren Spruch abrücken. So siegt dann die Liebe der Konfirmanden zu diesem Spruch über das Bemühen der Pfarrer der Gemeinde die Vielfalt der Bibel zu präsentieren. Aber sicher ist dies auch ein gutes Zeichen. Die jungen Menschen wählen diesen Spruch sicher nicht nur, weil er leicht zu behalten ist, sondern weil er den Wunsch zum Ausdruck bringt, dass man diese Welt ein Stück weit verändern kann, in dem man mit Freundlichkeit, und Güte etwas bewirkt.
Viele junge Menschen haben heute diesen Anspruch und sie hatten ihn auch sicher schon vor hundert Jahren. Aber wie kam es dann trotzdem dazu, dass das 20. Jahrhundert zu einem Jahrhundert großer Katastrophen wurde? Und ich meine damit Katastrophen, die hausgemacht sind, an denen der Mensch einen gehörigen Anteil hat, und die nicht so einfach über ihn kommen wie ein Sturm oder eine Flut, und selbst da wird heute nach dem menschlichen Anteil gesucht.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts stand eine große Euphorie der Menschen in unserem Land und unserem Erdteil. Große technische Errungenschaften ließen den Menschen daran glauben, dass alles machbar sei. Die Umwälzungen in der Industrie hatten Auswirkungen bis ins tägliche Leben des einzelnen.
Doch niemand machte sich klar, dass damit nichts mehr so war wie früher. Die industrielle Revolution hat auch die militärischen Möglichkeiten beeinflusst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dachte man, dass ein Krieg unvermeidbar war, um das Streben der Völker nach Vorherrschaft in Europa zu regulieren, und jeder dachte, so ein Krieg wäre schnell zu gewinnen, und zu Weihnachten wäre man wieder zu Hause.
Doch die vom Menschen geschaffene Technik ließ den Krieg nicht zu einem leichten Kräftemessen unter Ehrenmännern werden, sondern zu einem fürchterlichen Gemetzel, das unsägliches Leid über unseren Erdteil brachte und darüber hinaus noch die Welt veränderte.
Hatte nun das Böse gesiegt? Haben die Menschen versagt, oder hat so gar der Glaube versagt, der den Menschen doch die Kraft zur Überwindung des Bösen geben sollte.
Nach dem ersten Weltkrieg ist in der Theologie eine große Umwälzung entstanden. Man hat erkannt, dass man sich nicht einfach an weltliche Strömungen anhängen kann, sondern, dass man als Christ eine unabhängige Position ergreifen muss, um wieder den Glauben an Jesus Christus zur Sprache zu bringen, der wirklich mit seiner Güte das Böse überwunden hat.
Der Theologe Karl Barth, hat für diesen neuen Aufbruch gesorgt. Der Glaube an Gott sollte nicht mehr nur eine Hilfe sein, um Soldaten zum Durchhalten zu bewegen, sondern er sollte Menschen dazu bringen, die Grenzen zwischen menschlichem Machtanspruch und dem Reiche Gottes zu erkennen.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Röm 12,21
Wie hätte das zwanzigste Jahrhundert anders verlaufen können, wenn man diesen Spruch wirklich beherzigt hätte! Doch nicht das Gute siegte, sondern, die Wille zur Rache. Geschickt nutzen unmenschliche Kräfte das Gefühl der Menschen aus, dass die Kriegsverlierer darunter litten, dass man ihnen ihre Ehre aberkannt hatte.
Die Politik der Nationalsozialisten zielte von Anfang an darauf ab, mit Gewalt ein System des Schreckens und der Vorherrschaft des Rechts des Stärkeren zu etablieren.
Jesus Christus, wie er in der Bibel geschildert wird, als Sohn Gottes, groß geworden als Jude unter Juden, der mit dem friedlichen Mittel der Feindesliebe das menschliche Miteinander regeln wollte, war diesen Machthabern ein Dorn im Auge. Hemmungslos, wurden seine Geschichte und seine Lehren uminterpretiert und sich so zurechtgebogen, dass sie in die eigene menschenverachtende Ideologie hinein passten. Wohin das führte, können wir überall in unserem Land sehen.
Und wir werden es eindrücklich erleben, wenn wir hier ganz in der Nähe den Golm besuchen und die Kriegsgräber ihre eigene Sprache sprechen. In Peenemünde werden wir sehen, wie dennoch der Glaube an den technische Fortschritt das Wesen der Menschen bestimmte, und wie man mit technischen, todbringenden Mitteln den Sieg erringen wollte, statt einander die Hand zum Frieden zu reichen.
Aber wir kommen hier nicht her, um zu sehen, was hier schlimmes passiert ist. Das könnten wir auch vor unsere eigenen Haustür erleben. Im Bereich unserer Gemeinde gibt es ein Mahnmahl, das daran erinnert, dass in Dortmund in den letzten Kriegstagen am Karfreitag 1945 über dreihundert Männer aus sieben Ländern getötet wurden, damit sie den herannahenden Siegern nicht über die Gräueltaten berichten konnten.
Am Mahnmal in der Bittermark kommen heutzutage jedes Jahr am Karfreitag Menschen zusammen, um sich an diese schreckliche Tat zu erinnern. Doch dann sind Landsleute der Ermordeten mit Dortmundern zusammen und reichen sich die Hand im Bewusstsein, dass sich so was nicht wiederholen darf.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Röm 12,21
Die Kriege in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts haben die Ordnung in Europa verändert. Und in der zweiten Hälfte hat man zunächst die Chance zu einem wirklichen Frieden nicht ergreifen wollen. Am eisernen Vorhang standen sich nun die Verbündeten gegen die braune Unmenschlichkeit als verfeindete Systeme gegenüber und bedrohten einander mit Waffen, die die ganze Welt zerstören konnten.
Wir dürfen Gott danken, dass in dieser spannungsgeladenen Zeit, immer wieder die Vernunft gesiegt hat. Anlässe, die in früheren Zeiten zu einem Krieg geführt hätten, hat es zahlreiche gegeben.
Doch wir fragen uns, war es die reine Güte des Menschen, die das Böse eines neuen Krieges verhinderte, oder war es die Angst vor der eigenen Bosheit, die Angst vor den selbst geschmiedeten Waffen des Schreckens die unweigerlich bei einem Einsatz auch die jeweils eigenen Leute getroffen hätten?
Doch auf einmal konnten wir am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts erleben, wie das Gute das Böse überwunden hat. Menschen reichten einander die Hand, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, und feierten. Es flossen Tränen, aber zum ersten Mal in der Geschichte dieses Jahrhunderts nicht aus Trauer um gefallene Soldaten, sondern als Freude über den gefallen eisernen Vorhang, der mit seinen Selbstschussanlagen und allem was dazugehörte, dazu beitrug, das Gleichgewicht des Schreckens aufrecht zu erhalten.
Als 1989 die Mauer fiel, hat man zum ersten Mal etwas von der Wahrheit dieses Spruches erfahren können.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Röm 12,21
Zu diesem umwälzenden geschichtlichen Ereignis haben zum ersten Mal nicht Waffen beigetragen, sondern die Kerzen in den Kirchen, in denen man für Frieden gebetet hat. Die Gesänge der christlichen Friedensbewegung, die Beharrlichkeit der Botschaftsflüchtlinge die Besonnenheit der Politiker, und die Gunst der Stunde.
Ich erinnere mich daran, wie es in unserer Heimatstadt Dortmund Dankgottesdienste für die Deutsche Einheit gab. Die Menschen waren überzeugt, dass Gott hier positiv in die Geschichte eingegriffen hat, und dass so meine Geschichte auch zu Gottes Geschichte wurde.
Doch wo stehen wir nun am Beginn des 21. Jahrhunderts? Viele klagen heutzutage und nörgeln. Die Wirtschaft kommt nicht so richtig in Schwung, und die Arbeitslosigkeit konnte noch immer nicht besiegt werden. Jeder in Ost und West hat Veränderungen zu spüren bekommen, die ihm vielleicht weh tun, aber was ist das gegen das Gefühl, dass einmal wirklich das Gute das Böse überwunden hat.
Wenn wir heute das zwanzigste Jahrhundert nicht nur als interessante Geschichte sehen wollen, dann müssen wir fragen, welche Folgen sich daraus für das 21. Jahrhundert ergeben.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Röm 12,21
Dieser Spruch gilt weiter, aber wir können ihn leichter im Herzen bewahren, weil er sich einmal schon bewahrheitet hat.
In Frieden und Freiheit wollen wir mit Gottes Hilfe darauf hinarbeiten, dass Menschen sich kein Leid mehr antun, dass Menschen miteinander die Schöpfung Gottes bewahren und teilen.
Wir erleben auch in unserem Jahrhundert, dass das Böse nicht ausgerottet ist, wir erleben, wie mit Bomben und Terror manche ihre Zeile verfolgen wollen. Aber das darf uns nicht dazu führen, dass wir die Freiheit einschränken und den Frieden mit Waffengewalt aufrecht erhalten wollen.
Wir erleben wie Menschen aus reiner Not, die Zäune zum reichen Europa überwinden wollen, um an unserem Wohlstand und an unserem Reichtum Anteil haben wollen. Und wir erleben, wie sie an diesen Zäunen scheitern. Auch diesen Zustand wollen wir versuchen mit Güte zu überwinden. Dass eines Tages gar keine Zäune mehr auf der Welt nötig sind, dass eines Tages kein Hunger mehr herrscht.
Vielleicht bleibt das zunächst noch ein Wunschtraum, aber wir dürfen nicht aufhören zu träumen.
Und wir dürfen auch nicht aufhören zu hoffen. Zu hoffen darauf, dass durch den Glauben an Jesus Christus, sich etwas in dieser Welt bewegen lässt.
Jesus Christus hat unmenschliches erdulden müssen, den Spott der Leute, die ihn zuvor bejubelt haben, er hat staatlich legitimierte Gewalt am eigenen Leib ertragen müssen, und er hat mit ansehen müssen, wie ihn die Menschen vergaßen, die zuvor versprochen hatten sein Leben für ihn einzusetzen.
Und er hat den Schmerz am Kreuz erduldet, ist sehen den Auges in den Tod gegangen, den er nicht verdient hatte. Nach unserem Glauben ist in ihm Gott selbst auf diese Welt gekommen und hat den Tod überwunden durch die Auferstehung.
Dabei hat er nur mit friedlichen Mitteln gearbeitet, hat versucht, Gewalt zu unterbinden, die seine Jünger gegen die Vertreter der Mächtigen ausübten. So, als einer seiner Jünger dem Knecht des Hohenpriesters ein Ohr abschlug. „Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen!", sprach er. Gewalt erzeugt Gegengewalt, würden wir heute sagen. Es gibt langfristig eben nur ein Mittel, um das Böse zu bezwingen.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Röm 12,21
Zu unserer Geschichte im Laufe der jahrhunderte gehört eben auch die Geschichte dessen, nach dem wir die Jahrhunderte zählen, die Geschichte Jesu Christi, die Geschichte der Überwindung des Bösen durch das Gute. Amen.
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